Wie Köln, nur früher - sexuelle Übergriffe auf Kinder und junge Frauen und das Schweigen der Polizei und der Medien

 

Die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015 haben viele Menschen schockiert. Politiker und auch Sicherheitsexperten sprachen von einer neuen Dimension von Sexualstraftaten. Wirklich? Was auch nicht neu war, war die Reaktion der Polizeiführung und der Medien: die einen sagten nichts, die anderen fragten nicht.

Nach einer gewissen "Inkubationszeit" wurde das Schweigen nun doch gebrochen. In Köln nach einigen Tagen, in Schweden nach mehreren Monaten. Lesen Sie dazu einen Artikel aus Schwedens wichtigster Zeitung Dagens Nyheter (DN) vom 10.Januar 2016 (eigene Übersetzung aus dem Schwedischen).

Über die Übergriffe auf dem Festival in Stockholm wurden niemals öffentlich berichtet

Während zweier Jahre hat eine Gruppe junger Männer auf Europas größtem Jugendfestival „We are Sthlm“ junge Mädchen belästigt.
Laut der offiziellen Darstellung der Polizei verlief das Festival ruhig – aber DN:s Recherchen zeigen, dass alarmierende interne Rapporte verschwiegen wurden.
Der Reichspolizeichef Dan Eliasson versprach, die Vertuschungen zu untersuchen.
DN konnte Einsicht in die interne PM bekommen, die täglich während des Festivals „We are Sthlm“ an obere Dienstränge und an des Medienzentrum der Stockholmer Polizei verschickt wurden. Die ersten Berichte über Sexualverbrechen an weiblichen Besuchern kamen zeitig.
In einem der Rapporte war zu lesen: „Die Problematik mit jungen Männern, die sich in der Menschenmenge an kleinen Mädchen drängten, war wie im Vorjahr aktuell.“
Aber als die Stockholmer Polizei die Festivalwoche auf ihrer Website zusammenfasste, schrieb der Pressesprecher folgendes: „Es waren mit Blick auf die Teilnehmerzahl verhältnismäßig wenige Delikte und Festnahmen zu verzeichnen.“
Zwar hatten rekordviele das Polizeizelt besucht, aber dass viele der betroffenen Besucher Mädchen waren, wurde im Text verschwiegen.
„Die jüngsten Mädchen waren sicherlich nur elf, zwölf Jahre alt. Ich hätte niemals meine eigene Tochter auf das Festival gelassen, wenn ich gewusst hätte, was passiert“. So einer der fünfzig Polizisten, der Teil der besonderen Einsatzgruppe der Stockholmer Polizei war.
DN:s Recherchen zeigen, dass die Übergriffe nicht unerwartet geschahen.
Im Jahr 2014 wurden viele Belästigungen angezeigt, unter anderen im Zusammenhang mit dem Diebstahl von Mobiltelefonen, und bei einem Mädchen wurden Finger in den Unterleib gesteckt, was als Vergewaltigung rubriziert wurde. Die Täter war laut DN:s Quellen junge ausländische Männer, die elternlos nach Schweden kamen.
Roger Ticoalu ist Eventchef bei der Stadt Stockholm, welche das Festival arrangiert. Er sagt, dass es immer Sexualdelikte gegeben habe, dass sich aber die Geschehnisse 2014 deutlich von denen in den Jahren davor abhoben.
„Diese Fälle sind sehr speziell. Das sind Gruppen von Jungs die sich darauf verlegt haben, junge Mädchen einzukreisen und zu belästigen. Deren Vorgehensweise schockierte uns erst. Als wir die ersten Signale zu diesen Geschehnissen bekamen, glaubten wir erst nicht, dass das stimmen könnte.“ Sagt Ticoalu.
Peter Ågren ist Chef der Polizei im zentralen Stadtteil Södermalm und operativer Chef für den Einsatz bei „We are Sthlm“.
„Wir haben viel darüber gesprochen und eine Strategie entwickelt, wie wir die Menschenmenge überwachen und beobachten könnten, um schnell eingreifen zu können.“, sagt Peter Ågren.
Wachleute, Freiwillige und Polizisten hatten 2015 den Auftrag besonders aufmerksam zu sein und beim geringsten Anzeichen einzugreifen.
Die erhöhte Wachsamkeit reichte nicht. Die internen Rapporte, die DN einsehen konnte, zeigen, dass der Umfang der Übergriffe zugenommen hatte. Außerdem hatte die Polizei nach einigen Tage eine 50-köpfige Gruppe von Tatverdächtigen ausmachen können.
„Diese waren sogenannte Flüchtlingsjugendliche, überwiegend aus Afghanistan. Mehrere aus dieser Gruppe wurden wegen sexueller Belästigungen festgenommen. Die Gruppe stand auch für mehrere abendliche Streitereien. Einem Geschädigten wurde ein Arm ausgekugelt.“, schrieb die Polizei.
In einigen Fällen gelang es gegen die Verdächtigen einzuschreiten. Während des zweiten und des dritten Tages gab es laut dieser Rapporte insgesamt mehr als ein Dutzend Anzeigen wegen sexueller Belästigungen.
„Aber das sind sehr wenige Anzeigen im Verhältnis zur Anzahl der vermuteten Verbrechen. Es war eng, alles ging schnell vonstatten und die Mädchen hatten Probleme, die Täter zu identifizieren.“, sagt ein anderer Polizeibeamter.
Dafür wählte man die Strategie, mit Hilfe des Ordnungsgesetzes die Verdächtigen des Platzes zu verweisen. Insgesamt betraf dies mehr als 200 junger Männer während der fünf Tage. Die Polizei war auch sehr bedacht, die geschädigten Mädchen zu trösten und nach Hause zu ihren Eltern zu fahren.
Das Ganze ging so weit dass die Polizei Betracht zog, das Publikum nach Geschlechtern zu separieren.
„Aber wir kamen zu der Auffassung, dass dies zu weit führen würde. Sollten die Mädchen nicht mehr mit ihren Freunden zusammen sein können?“ sagt der Polizist Christian Frödén.
Stattdessen gab die Stadt Stockholm ihrem Personal den Auftrag, Kontakt mit den Mädchen aufzunehmen und sie zu warnen.
„Die Veranstalter arbeiten sehr hart dafür klarzumachen, was okay ist und was nicht.“ steht in einem PM zu lesen
Aber nichts von dem wurde in den Informationen, die der Öffentlichkeit und den Massenmedien zukamen, genannt.
DN gelang es nicht, den Pressesprecher der Stockholmer Polizei zu erreichen.
Der Pressechef Varg Gyllander bezeichnet inzwischen die Vorgehensweise als unakzeptabel.
Er sagt: „Wir hätten definitiv darüber schreiben und berichten sollen, ohne jeden Zweifel. Warum die nicht geschah, weiß ich nicht. Das hier ist wirklich sehr wichtig und am Montag werde ich die Ursachen für das Ganze untersuchen.“
Der Reichspolizeichef Dan Eliasson versprach in einer Twittermitteilung am späten Sonntagabend, die Vertuschung der Übergriffe zu untersuchen.
Mehrere Polizisten, zu denen DN Kontakt hatte, vertraten die Auffassung, dass die Behörde bewusst vermeidet, über Ereignisse zu berichten, die an Tätern mit ausländischem Hintergrund festzumachen seien.
„Aber man muss ein stimmiges Bild vermitteln und welches alle Polizisten auf der Straße wiedererkennen.“, sagt ein Polizist, der anonym bleiben will.
„Das ist ein empfindlicher Punkt, wir trauen uns manchmal nicht zu sagen wie es ist weil wir glauben, dies spiele den Schwedendemokraten in die Hände. Wir müssen uns mit dieser Frage innerhalb der Polizei auseinandersetzen.“ sagt Polizeichef Peter Ågren.
Laut DN:s Recherchen hat bisher keiner der Anzeigen zu einer Anklage geführt. Peter Ågren berichtet dass die Polizeiführung nun diskutiert, wie die Arbeit vor dem diesjährigen Sommer verbessert werden könne.
„Das gilt vor allem einer auf die Tatverfolgung und rechtliche Würdigung der Taten ausgerichteten Perspektive. Wie müssen mehr Ressourcen habe, um vor Ort Verhöre und Untersuchungen durchführen zu können, die vor Gericht verwertet werden können. Andernfalls ist erfahrungsgemäß zu befürchten, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in derartigen Fällen einstellt.“
Roger Ticoalu sagt, dass alle Informationen über sexuelle Belästigungen sehr ernst genommen werden. „We are Sthlm“ hat sich des Problems angenommen, unter anderem indem das Personal in der Frage unserer ethischen Grundwerte ausgebildet wird, meint er. Die Sicherheitsabteilung wurde verstärkt und sowohl Wachleute als auch Zivilpolizisten waren neben uniformierter Polizei vor Ort. Warum so wenige Übergriffe angezeigt wurden, weiß er nicht.
„Ein gewöhnliches Konzert, bei dem Eintrittskarten verkauft werden, ist viel leichter zu überwachen. Manchmal haben wir eine Anzeige bekommen, dass `jemand versucht hätte, mich zu belästigen´, es ist schwer da einzugreifen.
Roger Ticoalu glaubt auch, viele Mädchen würden auf eine Anzeige verzichten, weil sich die Einstellung zu der Frage was okay ist und was nicht verschlechtert hätte.
„Es wird viel weitere Arbeit erfordern um hier erfolgreich zu intervenieren. Das Gute mit der in dieser Frage aufgeflammten Debatte ist, dass nun alle mehr Verantwortung wahrnehmen können um derartige Vorfälle zu stoppen.“

Dagens Nyheter, 10. Januar 2016

auf Schwedisch: http://www.dn.se/nyheter/sverige/overgreppen-pa-festivalen-i-stockholm-rapporterades-aldrig-vidare/
auf Englisch: http://www.dn.se/nyheter/sverige/assaults-at-the-stockholm-festival-have-never-been-fully-investigated/